Post-Quanten-Kryptografie: Was sie heute schützt

Quantencomputer, die heutige Verschlüsselung brechen, gibt es noch nicht. Heute mitgeschnittene Daten könnten trotzdem später lesbar werden. Was Post-Quanten-Kryptografie schon heute schützt und welche Fristen Europa und die USA setzen.

Angenommen, eine Kanzlei schickt einem Mandanten heute den Entwurf eines Gesellschaftsvertrags, und unterwegs kopiert jemand die verschlüsselte Übertragung. Mit der Kopie kann er nichts anfangen, denn kein heutiger Computer bricht die Kryptografie, die sie schützt. Der Vertrag kann aber 2040 noch eine Rolle spielen, und niemand weiß, was Computer bis dahin können. Um diese Lücke zwischen der Lebensdauer eines Geheimnisses und der seines Schutzes geht es bei Post-Quanten-Kryptografie.

Was ein Quantencomputer brechen würde

Verschlüsselte Kommunikation nutzt zwei Arten von Kryptografie. Ein symmetrisches Verfahren wie AES verschlüsselt die Daten selbst. Public-Key-Verfahren wie RSA und elliptische Kurven übernehmen den schwierigeren Teil: Sie lassen zwei Seiten, die sich nie begegnet sind, über ein offenes Netz einen AES-Schlüssel vereinbaren, und sie machen digitale Signaturen für alle prüfbar.

1994 zeigte Peter Shor (öffnet in neuem Tab), dass ein ausreichend großer Quantencomputer die mathematischen Probleme hinter RSA und elliptischen Kurven effizient lösen könnte. Mitgeschnittene Schlüsselaustausche ließen sich dann zurückrechnen und Signaturen fälschen. Symmetrische Verfahren kommen deutlich besser davon: Das NIST erwartet, dass AES-256 noch sehr lange sicher bleibt.

Wo ein Quantencomputer treffen würde und was nachfolgt
BausteinHeute üblichFolgen durch QuantencomputerPost-Quanten-Antwort
SchlüsselaustauschRSA, ECDHGebrochen durch Shors AlgorithmusML-KEM, kombiniert mit ECDH
SignaturenRSA, ECDSAGebrochen durch Shors AlgorithmusML-DSA oder SLH-DSA, kombiniert mit ECDSA
DatenverschlüsselungAES-256Höchstens begrenzter Vorteil256-Bit-Schlüssel beibehalten

Einen solchen Rechner gibt es nicht, und niemand weiß, wann es ihn geben wird. In der Befragung für die Quantum Threat Timeline 2023, auf die sich Partner aus 21 europäischen Staaten in einer gemeinsamen Erklärung stützen, schätzten 17 von 37 Fachleuten die Wahrscheinlichkeit, dass er binnen zehn Jahren kommt, auf über 5 Prozent. Fundierte Vermutungen also. Für die Planung reichen sie, weil der Angriff, auf den es ankommt, viel früher beginnt.

Harvest now, decrypt later: jetzt speichern, später entschlüsseln

Wer verschlüsselten Datenverkehr heute mitschneidet oder verschlüsselte Dateien mitsamt ihrem Schlüsselaustausch kopiert, kann alles aufbewahren und abwarten. Das NIST nennt das „harvest now, decrypt later“, die europäische Erklärung „store now, decrypt later“.

Wer heute mitschneidet, erhält versiegelte Daten. Ob sie versiegelt bleiben, hängt vom Schlüsselaustausch ab, der sie schützt.

Der Forscher Michele Mosca hat daraus eine Rechnung gemacht, die auch der Übergangsbericht des NIST aufgreift: Ist X die Zahl der Jahre, die Daten geheim bleiben müssen, und Y die Dauer einer Umstellung, muss man beginnen, bevor X plus Y größer wird als Z, die Jahre bis zu einem leistungsfähigen Quantencomputer. Z kennt niemand. X kennen Sie.

In der Arbeit mit Mandanten ist X lang. Ein Gesellschaftsvertrag, eine Personalakte oder die Pläne eines Gebäudes können zehn Jahre und länger heikel bleiben, lange nachdem sich niemand mehr an die Verbindung erinnert, über die sie liefen.

Die neuen Standards

Nach einem offenen, internationalen Auswahlverfahren, das 2016 begann, veröffentlichte das NIST am 13. August 2024 seine ersten drei Post-Quanten-Standards: FIPS 203 (ML-KEM), mit dem zwei Seiten über einen öffentlichen Kanal einen gemeinsamen geheimen Schlüssel vereinbaren, FIPS 204 (ML-DSA) als wichtigsten Standard für Signaturen und FIPS 205 (SLH-DSA), ein hashbasiertes Signaturverfahren auf anderer mathematischer Grundlage, als Rückfalloption. Im März 2025 wählte das NIST mit HQC eine Rückfalloption für ML-KEM aus; die Standardisierung läuft noch.

Warum sorgfältige Verfahren hybrid sind

RSA und elliptische Kurven haben Jahrzehnte an Angriffen überstanden, die neuen Algorithmen erst einige Jahre und ihre Implementierungen noch weniger. Die europäische Erklärung, die auch A-SIT und das österreichische Bundeskanzleramt unterzeichnet haben, empfiehlt deshalb nachdrücklich, Post-Quanten-Kryptografie in den meisten Fällen hybrid einzusetzen: ein bewährtes und ein Post-Quanten-Verfahren, so kombiniert, dass das Ergebnis sicher bleibt, selbst wenn eines davon gebrochen wird. Der koordinierte EU-Fahrplan rät, wo immer machbar, zu standardisierten und erprobten hybriden Lösungen.

Stellen Sie sich eine Tür mit zwei Schlössern verschiedener Hersteller vor. Wer lernt, das eine zu knacken, steht immer noch vor dem anderen.

So setzen wir es in Encloq ein

Post-Quanten-Schutz ist bei Encloq von Anfang an Teil der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Schlüssel vereinbart Encloq mit ML-KEM-1024 und zugleich mit Diffie-Hellman auf der elliptischen Kurve P-521, Signaturen kombinieren ML-DSA-87 mit ECDSA auf P-521. Datei- und Nachrichteninhalte verschlüsselt AES-256-GCM.

Diese Parametersätze haben wir bewusst gewählt. Sie gehören zur höchsten Sicherheitskategorie des NIST, der Kategorie 5: Sie zu brechen, soll mindestens so viel Aufwand kosten wie die Schlüsselsuche bei AES-256. Das NIST empfiehlt das kleinere ML-KEM-768 als Standardwahl, hält in FIPS 203 aber auch fest, dass beim erstmaligen Schutz von Daten der stärkste mögliche Parametersatz verwendet werden sollte. Mandantenakten müssen mitunter Jahrzehnte vertraulich bleiben, deshalb nehmen wir größere Schlüssel und Nachrichten in Kauf. Der Schutz gehört zu jedem Tarif, einen Schalter dafür gibt es nicht.

Wofür unsere Post-Quanten-Aussage gilt

Für den Schlüsselaustausch, der Ihre Inhalte schützt, und für die Signaturen auf Dokumenten, Nachrichten und Lesebestätigungen. Nicht für die Anmeldung mit Passkey, die mit den klassischen Signaturen heutiger Passkey-Standards arbeitet, und nicht für die TLS-Verbindung zwischen Ihrem Browser und unseren Servern. Encloq-Signaturen sind kryptografische Signaturen, keine qualifizierten elektronischen Signaturen.

Was Post-Quanten-Kryptografie offenlässt

Zum Beispiel die Anmeldung. Der Übergangsbericht des NIST hält fest, dass eine Authentifizierung nur in dem Moment sicher sein muss, in dem sie stattfindet: Eine heute mitgeschnittene Anmeldung enthält nichts, was sich später entschlüsseln ließe. Passkeys brauchen trotzdem Post-Quanten-Signaturen, spätestens wenn es leistungsfähige Quantencomputer gibt; wie sie heute funktionieren, erklärt unser Beitrag zu Passkeys.

Oder die Verbindung. Im August 2026 hat die IETF hybriden Post-Quanten-Schlüsselaustausch für TLS 1.3 als RFC 10024 veröffentlicht; ob eine Verbindung ihn nutzt, hängt von Browser und Server ab. Für Ende-zu-Ende-verschlüsselte Inhalte ist TLS der äußere Umschlag und schützt vor allem Metadaten.

Metadaten und Geräte liegen ganz außerhalb. Stärkere Inhaltsverschlüsselung verbirgt nicht, wer wann mit wem Dateien austauscht; welche Metadaten sichtbar bleiben, zeigt unsere Architekturseite. Und lesbar sind Inhalte dort, wo sie entschlüsselt werden. Gegen Schadsoftware oder einen entsperrten Laptop hilft kein Algorithmus.

Fristen in Europa und den USA

Der koordinierte EU-Fahrplan vom Juni 2025 sieht vor, dass die Mitgliedstaaten bis Ende 2026 mit ihrer nationalen Umstellung beginnen und Anwendungsfälle mit hohem Risiko bis Ende 2030 umgestellt sind. Bis 2035 soll die Umstellung für so viele Systeme wie praktisch machbar abgeschlossen sein; ab dann sollen quantenanfällige Public-Key-Verfahren auch bei mittlerem Risiko nicht mehr allein eingesetzt werden.

In den USA erklärt der im Oktober 2026 fertiggestellte Übergangsbericht des NIST quantenanfällige Public-Key-Verfahren nach 2030 für veraltet und lässt sie nach 2035 in NIST-Standards nicht mehr zu. Bundessysteme mit den sensibelsten Daten müssen schneller sein: Post-Quanten-Schlüsselaustausch bis Ende 2030, Signaturen bis Ende 2031.

Diese Fristen richten sich an Staaten, Betreiber und Hersteller. Für eine Kanzlei mit fünf Leuten sind sie ein brauchbarer Maßstab für die eigenen Werkzeuge.

Was Sie jetzt tun können

  1. Langlebige Geheimnisse finden.

    Welche Dateien und Unterhaltungen müssen zehn Jahre oder länger vertraulich bleiben? Sie kommen zuerst.

  2. Anbieter fragen.

    Ist der Schlüsselaustausch heute schon post-quantensicher oder nur geplant? Ist er hybrid? Wofür genau gilt die Aussage?

  3. Absolutem misstrauen.

    Kein seriöser Anbieter verspricht, dass seine Verschlüsselung niemals gebrochen werden kann. Achten Sie auf benannte Standards und einen klaren Geltungsbereich.

  4. Grundlagen pflegen.

    Passkeys, aktuelle Geräte und sorgfältiges Teilen halten die Angriffe auf, die heute passieren.

Häufige Fragen

Ist AES-256 quantensicher?

Nach heutigem Wissen ja. Grovers Algorithmus, der beste bekannte Quantenangriff auf symmetrische Verfahren, könnte eine Schlüsselsuche höchstens beschleunigen, und das NIST hält es für recht wahrscheinlich, dass er gegen AES kaum oder gar keinen Vorteil bringt. Die Schwachstelle ist der Public-Key-Austausch, der den AES-Schlüssel überbringt.

Ist Post-Quanten-Kryptografie dasselbe wie Quantenkryptografie?

Nein. Post-Quanten-Kryptografie ist gewöhnliche Software, die auf heutigen Computern läuft und künftigen Quantencomputern standhalten soll. Quantenkryptografie, etwa die Quantenschlüsselverteilung, nutzt die Quantenphysik selbst und braucht spezielle Hardware.

Sehen, wo der Schutz greift

Die Architekturseite zeigt, wie Encloq Inhalte auf Ihrem Gerät verschlüsselt und welche Teile Post-Quanten-Verfahren schützen.

Zur Architektur

Quellen

  1. Polynomial-Time Algorithms for Prime Factorization and Discrete Logarithms on a Quantum Computer (öffnet in neuem Tab)Peter W. Shor, arXiv
  2. NIST Releases First 3 Finalized Post-Quantum Encryption Standards (öffnet in neuem Tab)NIST
  3. FIPS 203: Module-Lattice-Based Key-Encapsulation Mechanism Standard (öffnet in neuem Tab)NIST
  4. FIPS 204: Module-Lattice-Based Digital Signature Standard (öffnet in neuem Tab)NIST
  5. Post-quantum cryptography: security evaluation criteria (öffnet in neuem Tab)NIST
  6. Post-Quantum Cryptography FAQs (öffnet in neuem Tab)NIST
  7. NIST Selects HQC as Fifth Algorithm for Post-Quantum Encryption (öffnet in neuem Tab)NIST
  8. NIST IR 8547: Transition to Post-Quantum Cryptography Standards (October 2026) (öffnet in neuem Tab)NIST
  9. Securing Tomorrow, Today: Transitioning to Post-Quantum Cryptography (June 2025) (öffnet in neuem Tab)Joint statement of partners from 21 European states, including A-SIT and the Austrian Federal Chancellery
  10. A Coordinated Implementation Roadmap for the Transition to Post-Quantum Cryptography (öffnet in neuem Tab)European Commission and NIS Cooperation Group
  11. RFC 10024: Post-Quantum Traditional (PQ/T) Hybrid Key Agreement Mechanisms for TLS 1.3 (öffnet in neuem Tab)IETF

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